Aufschreien gegen Sexismus


28.01.2013 21:25

Fabian


Stellt euch vor, keine eigene Meinung haben zu dürfen. Stellt euch vor, dass jemand anderes darüber entscheidet, was ihr zu sagen und zu denken, wie ihr euch zu zu verhalten, was ihr zu tun und zu lassen habt - obwohl ihr erwachsene Menschen seid. Stellt euch vor, dass eure Ansichten nichts zählen, bzw. nur dann relevant sind, wenn es die "richtigen", "offiziell genehmigten" sind... ein Erlebnis aus Nordkorea? Nein, aus einer Familie in der Bundesrepublik Deutschland.

Meine Mutter hat NIE die Erfahrung gemacht, wie es ist, ein erwachsener, selbstständiger Mensch mit eigenen Ansichten, Zielen, Mut und Freiheit zu sein. Von dem Tag an, an dem sie mit meinem Vater zusammenkam - Anfang der 1960er! - gab es soetwas wie Freiheit für sie nicht. Sie lebte eine Art ewiges Kleinkind-Dasein an seiner Seite. Was er sagte, mußte wahr und richtig sein. Kam sie auf den Gedanken, zu widersprechen, wurde ihre Meinung sofort mit allen Mitteln runtergeputzt, gerne unter Zuhilfename lateinischer Zitate und großer Philosophen. Dabei pflegte mein Vater die Ansichten seiner Frau, wenn sie mal von seinen abwichen, nicht einfach nur als falsch darzustellen; nein, er bewies ihr philosophisch, dass ihre Ansichten zutiefst amoralisch und sie eine Psychopathin sei, wenn eine eigene Meinung zu vertreten wagte. Auch liebte er es, ihr auf passiv-aggressive Weise Vorwürfe zu machen, weil sie, zumindest aus seiner Sicht, nicht so intelligent war wie die Philosophen die er bewunderte.

Dabei fürchtete sie sich auch körperlich vor ihm, er schlug zwar nicht mit voller Kraft zu, aber pflegte oft drohend auf sie zuzustürmen, wobei sie vor Angst schreiend zurückwich, in der Keller oder ins Bad flüchtete und sich dort weinend einschloß.

Warum kam meine Mutter nicht auf den Gedanken, sich scheiden zu lassen, weit fortzuziehen, meinen Vater in die Pampa zu schicken, eigenständig als erwachsene Frau zu leben?

Ich weiß es nicht. Sicherlich lag es teilweise daran, dass Frauen ihrer Generation (geboren 1945) mehrheitlich noch so erzogen wurden, dass sie sich den Männern unterzuordnen zu hätten, dass Männer klüger und kompetenter seien und Frauen sich nach ihnen zu richten hätten. Vielleicht lag es auch an individueller Kraftlosigkeit. Doch was auch immer letztlich der Grund gewesen sein mag - es scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, wie verbreitet die Unterdrückung von Frauen durch Männer selbst in unserer modernen Zeit immer noch ist; ich mußte es zwei Jahrzehnte lang miterleben. Keine Geschichte aus Saudi-Arabien (wo solche Zustände sicher noch viel schlimmer und extremer vorkommen)... sondern aus Deutschland. Fremde Besucher lobten immer, wie charmant und geistig aufgeschlossen meine Eltern beide seien. Sie vermochten nicht hinter die Fassade zu sehen.


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