Aufschreien gegen Sexismus


13.11.2013 0:39

Zora


Mein Vater, der mir als Kind, als ich allein mit ~5 durchs Dorf zum Milchholen wollte, so lange und so bedrohlich eingeschärft hat, dass ich ja niemals zu irgendwelchen fremden Männern ins Auto steigen darf, dass ich mich danach nicht mehr getraut hab, zu gehen - obwohl ich mich vorher noch gefreut hatte.
Der gleiche Mann hat versucht, mich in Mathe zu fördern, weil bei mir eine sprachliche Hochbegabung festgestellt wurde und er das "ausgleichen" wollte - dabei hat er meine Grenzen so massiv überschritten, dass ich zwei Jahre nicht mit ihm reden wollte und immer noch Angst vor ihm habe.
Er hat meine Mutter regelmäßig zusammengeschrien.
Er meinte irgendwann aus heiterem Himmel zu mir, ich solle bloß nicht auf die Idee kommen, zu heiraten und damit ausgesorgt zu haben und mich darum nicht um meine Ausbildung scheren - gut gemeint, aber es hat mich völlig schockiert, dass er denkt, ich hätte so etwas vor.

Die Kinder in meiner Grundschule, die mich ausgelacht haben, als ich mit mit einem Asylbewerberjungen aus Serbien angefreundet hatte, den keiner sonst mochte, und ihm mit den Aufgaben geholfen habe - "E.s Pimmel steckt in Z.s Scheide".
Dass ich generell so früh so seltsam geprägt war, dass ich einerseits durchaus über Libido verfügte und das andererseits für schmutzig und primitiv hielt, und mich für widerlich, hässlich und darum nichts anderes als zu Recht lächerlich gemacht, wenn ich irgendwem gegenüber Annäherungsversuche machen würde oder auch nur auf seine/ihre eingehen.

Dass ich mich, seit ich denken konnte, über weibliche Stereotype und die abfällige Behandlung aufgrund ebenjener aufgeregt habe und krampfhaft versucht habe, nicht so zu sein. Was dann dazu führte, dass ich Sex hatte, obwohl ich ihn nicht wollte, weil ich das Klischee von der Frau, die nie will, nicht leiden konnte (und wenn ich wollte, dann wollte ich durchaus - das gab es auch und nicht zu wenig) und Angst vor Ablehnung, Wut oder Enttäuschung hatte.

Dass ich mit dreizehn im Urlaub vom Angestellten eines Hotels die ganze Zeit angegraben und belästigt wurde und nicht wusste, wie ich ihn loswerden konnte oder auch nur, dass ich das durfte und kein schlechter Mensch war, wenn ich ihm etwas versagte.

Dass ich letztes Jahr meinen Job verloren habe, weil ich nicht mit meinem Chef schlafen wollte - und danach noch versucht hab, ihn zu verstehen und auf ihn einzugehen, ihm meine Situation und das Gefühl von Bedrohung und Ausgeliefertsein zu erklären.
Dass ich darüber in einem mir lieben Forum geschrieben habe, um mich auszuheulen, und eine Antwort darauf war: Da hast du was gelernt - fraternisiere niemals mit deinem Chef, was glaubst du eigentlich, wie naiv das war [seine Einladung zu sich anzunehmen].

Dass ich immer noch glaube, ich muss alles machen und dass mich Aktivismus, Studium, psychische Störung und der Versuch, mein Leben irgendwie hinzubekommen, immer noch nicht entschuldigt, wenn ich keine perfekte Hausfrau bin, mich nicht um alle kümmere, nicht undankbare Aufgaben übernehme.

Dass ich nicht zulassen kann, dass mir jemand etwas abnimmt, weil ich mich dann sofort für unfähig halte.

Dass ich mich dafür schäme, dass meine Begabungen im sprachlichen und zwischenmenschlichen Bereich liegen - ich bin ein verdammt guter und einfühlsamer Coach, habe ein eidetisches Gedächtnis und lerne unglaublich schnell Fremdsprachen; außerdem kann ich gestochen scharf formulieren und diskutiere jede*n in Grund und Boden - weil das ein Frauenklischee ist und ich zeigen will, dass nicht jede dem Klischee entspricht, es hier aber einfach nicht kann.

Dass ich gerade merke, wie sehr ich Misogynie internalisiert habe.

Dass ein Sänger, den ich mal mochte, eine Werbung gemacht hat, die mich nervte, ich das ansprach und seine Antwort (auf einem öffentlichen fb-Profil) war: "Mädel, dich muss doch nur mal einer ordentlich durchnehmen."

Dass ich mich hintanstelle, um gemocht zu werden. Immer, immer, immer.

Dass ich mich gestern über das "In Mathe bin ich Deko"-Shirt bei Otto aufgeregt habe und mein Freund meinte, das hätte nichts mit Stereotypen zu tun, sondern damit, dass Mathe nicht zu können generell cool sei. Und dass ich Kämpfe von früher unnötigerweise nochmal kämpfen würde - schließlich könne man Probleme auch wieder herbeireden.

Dass ich mir von alten weißen Männern erklären lassen muss, was mich zu stören hat und ab wann es gerechtfertigt ist, dass mir eine Äußerung wehtut - und ab wann ich sschlucken muss, schlucken und den Mund halten und lächeln, weil ich ja sonst übersensibel bin und weil mein Schmerz und meine Grenzen niemanden interessieren.

Und dass ich von Frauen auch keine Hilfe erwarten kann.


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