Aufschreien gegen Sexismus


23.10.2013 15:37

Anonyma


Erst einmal vielen Dank für diese Website. Einerseits macht es mich schon traurig, zu lesen, wie viele andere Frauen* ebenfalls unter sexistischen Übergriffen leiden. Andererseits habe ich aber auch das Gefühl, dass es mich emotional "stärker" macht, zu erfahren, dass ich mit meinen Erfahrungen definitiv nicht allein bin, oder nicht zu einer winzigen "Minderheit" gehöre. Das gibt Hoffnung, dass wir Betroffenen gemeinsam etwas ändern können. Denn so wenige sind wir nicht.

Sexismus habe ich in meinem bisherigen Leben (bin Ende 20) leider sehr oft erleben müssen. Mal relativ "subtil", mal wirklich aggressiv. Ich erinnere mich an so viele Fälle, und je länger ich hier lese, desto mehr kommt auch noch in meine Erinnerung zurück.

- hupende oder aus dem offenen Autofenster johlende Typen, die mir "Hey Süße!", "Sexy Babe!" oder "Ey, Chica, komm mal her!" zurufen (hat etwa zu meinem 12. Lebensjahr angefangen und kommt auch jetzt noch vor)

- der Mitschüler, der meinte, mir meine Federtasche wegnehmen und sie an seinem Schritt reiben zu müssen (da war ich ca. 13 Jahre alt)

- fremde Männer in der Bahn, die meine damalige Partnerin (ich bin pansexuell) und mich anpöbeln mussten, die uns aggressiv angröhlten, wir bräuchten bloß mal einen "richtigen Kerl", dann würden wir schon wieder "normal" werden - und die sich dann auch direkt für eine Nacht aufdrängen wollten (widerwärtig... ich befürchte aber, solche Situationen kennt jede Frau, die ihre Beziehung zu einer anderen Frau in der Öffentlichkeit nicht versteckt)

- sexistische "Witze" aller Arten, egal, ob nun von Mario Barth, oder solche Sprüche wie "Dame kommt von dämlich"

- fremde Männer, die einen sofort mit sexuellen Aufforderungen ansprechen und mich auf meine Ablehnung hin als "scheiß Schlampe" beschimpfen

- Typen, die einem nachts auf dem Heimweg hinterherlaufen und erst aufgeben, sobald man ihnen irgendeine (Fake-)Telefonnummer aufgeschrieben hat (nachdem auf meine deutlichen "Kein Interesse!"-Rufe weitergedrängt wurde, mit Sprüchen wie "Ach komm schon! Sei doch nicht so!" - ich wäre gerne ehrlich, aber was soll ich in so einer Situation machen, wenn ein "Nein" nicht akzeptiert wird? Und wenn man Angst haben muss, dass der Typ evtl. auch noch körperlich gewalttätig wird, wenn man ihn abweist)

- der Jugendliche, der mir in der Bahn ohne Vorwarnung blitzschnell von hinten auf die Schulter und dann auch noch auf den Busen fasste, und der mich auslachte, nachdem ich seine Hand wegschlug und ihn anschrie, was das bitteschön soll, und der dann um mich herum rannte und immer wieder versuchte, mich zu begrapschen (da war ich 16 und hatte nach dem Vorfall wirklich Angst, alleine Bahn zu fahren - auch, weil von den zu der Tageszeit genügend anwesenden Passanten niemand eingriff)

- die Mitschüler (aus irgendeiner anderen Klasse, ich kannte sie nicht), die zum Schulschluss immer am Ausgang herumlungerten, um mir jeden einzelnen Tag "Tittenmonster!" oder diverse vulgär formulierte Fragen, ob ich heute schon Geschlechtsverkehr gehabt hätte, zuzuschreien - und die Lehrer, die meinten, so seien pubertierende Jungen eben

- die etwa 40-jährigen Männer in der U-Bahn, die mich bei neben mir sitzendem (männlichen, aber "feminin" wirkendem Partner) fragten, was ich mit "so einer scheiß Schwuchtel" (sorry für das Zitat!) denn wolle, ich sei doch "so hübsch", da könne ich doch jederzeit einen "echten Kerl" haben - die Beleidigung an sich ist schon eine Sauerei, aber "toll", dass mir fremde Männer außerdem auch noch vorschreiben wollen, was für einen Partner ich mir denn gerne wünschen soll!

- der Lehrer, der immer sexuelle Witze und Anspielungen im Unterricht machte und mich auf Klassenfahrt mal fragte, ob er mir die Beine eincremen darf

- der Dozent im Literaturwissenschafts-Studium, der fast ausschließlich Werke thematisierte, in der es um "Lolitas" (bzw. erwachsene, ältere Männer verführende minderjährige Frauen/Mädchen) oder um Prostituierte ging - und der bei der Gelegenheit diese Figuren auch immer für ihre "Attraktivität" loben musste ("das sind tolle Frauen", "wenn die Frauen heute bloß auch so wären")

- die jungen Männer, die mich neulich spätabends mit ihren Fahrrädern umkreisten, mir damit den Weg abschnitten, und mir dabei Fragen stellen wie "Ey, wo willst Du denn alleine hin?" und "Was machst Du um die Zeit noch draußen?" - und dass ein Bekannter (naja, jetzt nicht mehr...), dem ich erzählte, wie schlimm das für mich war, bloß belehrend antwortete: "Mädel, so ist das in Großstädten nunmal! Damit musst Du schon klarkommen!"...


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